Neubelebung der Wallfahrt

 

 

 

Bedingt durch die geistesgeschichtlichen Umwälzungen und politischen Machtverschiebungen gerieten die Katholiken im von Preußen dominierten Reich immer mehr ins Hintertreffen. Unter Bismarck eskalierte 1871 die Auseinandersetzung der Katholischen Kirche mit dem Staat.

 

Nachdem bereits 1868 tausende von Pilger an einer zehntägigen Mission der Jesuiten in Maria Linden teilgenommen hatten, wovon noch das große Kreuz, das heute hinter der Kirche auf dem Friedhof steht, zeugt, versammelten sich am 16. Juni 1872, dem 26. Jahrestag der Wahl von Papst Pius IX., 16000 Menschen am Wallfahrtsort, der als eine Art regionaler Katholikentag begangen wurde. In zwölf imposanten Prozessionen waren dieGläubigen, angeführt von ihren Ortspfarrern, nach Maria Linden gezogen, um ihre Liebe zur Kirche und ihre Treue zum Papst auszudrücken.

1884 feierte Maria Linden das 400-jährige Bestehen der Wallfahrtskirche. Am Sonntag, dem 6. Oktober waren 5000 Menschen zur Hauptfeier gepilgert. Die Festpredigt hielt Dekan Lender aus Sasbach. Sämtliche Häuser in Ottersweier waren festlich mit Kränzen, Fähnchen und Bildern geschmückt.

 

Allein aus Sinzheim waren mehrere hundert Männer mit ihrem Pfarrer unter Gebet und Gesang 6 Stunden lang durch Steinbach und Bühl zu Fuß hin und zurück gepilgert. Das Fest war auch als eine Art Volksmission gedacht. Der Andrang war größer als erwartet.

Mit Franz Xaver Burkhart, der von  1889 bis 1911 als Pfarrer in Ottersweier wirkte, und besonders unter Pfarrer Buttenmüller (1913-1935), der mit dem Ehrentitel „Lindenpfarrer“ in Erinnerung geblieben ist, erfährt die Wallfahrte einen beachtlichen Aufschwung.

Pfarrer Burkhart sah man oft schon um 2 Uhr in der Frühe, spätestens um 4 Uhr mit einer Laterne nach Maria Linden gehen. Groß war seine Freude, wenn in dieser frühen Morgenstunde schon Männer vor der Wallfahrtskirche warteten. Dieser große Freund und Förderer von Maria Linden verstand es, die katholischen Vereine zur Wallfahrt zu mobilisieren. So pilgerten beispielsweise 1908 und im Folgejahr 600 bis 700 Männer aus Mannheim nach Maria Linden.

 

Unter Pfarrer Buttenmüller wurde mitten im I. Weltkrieg das Langhaus renoviert, die Gemälde, Altäre, Kanzel und Orgel für 22000 Mark restauriert.

In diesen Jahren sah man in der Wallfahrtskirche häufig Mütter für ihre Söhne beten, die als Soldaten eingezogen worden waren.

Zur Feier des 450. Bestehens der Wallfahrtskirche im Jahr 1934 schmückten die Ottersweirer in bewährter Weise ihre Häuser. An einer Lichterprozession nahmen 2000 Gläubige teil. Eineinhalb Jahre nach der Machtergreifung Adolf Hitlers war dies durchaus bemerkenswert.

 

Die Zahl der Pilger an den Marienfesten war so groß, dass Pfarrer Buttenmüller regelmäßig die Kapuziner aus Straßburg Königshofen zur Mithilfe herbeirief. Aus der Begegnung mit diesen Ordensmännern erwuchs der Wunsch, diese als ständige Betreuer der Wallfahrt gewinnen zu können. Dieser Wunsch erfüllte sich dann im Jahr 1936.

Die junge Klostergemeinschaft begleitete die Gläubigen durch die kirchenfeindlichen Jahre der Naziherrschaft und die schwierigen Jahre des II. Weltkrieges. In dieser schweren Zeit suchten viele Menschen Trost und Hilfe bei der Mutter Gottes von Maria Linden.

Als am 8. September 1944 Bomben über Ottersweier abgeworfen wurden, trafen auch einige Brandbomben die Wallfahrtskirche. Beherztes Zupacken bewahrte vor größerem Schaden.

An eine Erneuerung der Kirche in den Kriegsjahren war nicht zu denken. Obwohl das Gotteshaus außen und innen recht verwahrlost aussah, konnte erst ab 1956 mit Renovierungsarbeiten und Neuanschaffungen begonnen werden.

Dem segensreichen Wirken der Kapuzinern ist es zu verdanken, dass sich Maria Linden im Bewusstsein der Gläubigen in Mittelbaden tief eingegraben hat.

 

Seit Jahrzehnten ist der Glaube in unserem Land am verdunsten. Prozessionen mit Tausenden Teilnehmern wie zu Zeiten, als die Kirche „Volkskirche“ war, hat Maria Linden schon länger nicht mehr gesehen. Gegenwärtig ist die Wallfahrtskirche ein Ort, an dem zu verbindlichen Zeiten die Sakramente gefeiert werden. Maria Linden ist ein Ort, an dem Maria uns helfen möchte, Jesus, ihren Sohn kennen zu lernen. Ihre Sehnsucht ist es, dass wir in der Freundschaft mit ihrem Sohn wachsen. Über die Feier der Liturgie hinaus, im Empfang des Bußsakramentes und der persönlichen Begegnung mit dem Herrn in der eucharistischen Anbetung will Maria Linden ein Ort geistlicher Stärkung und Erneuerung sein. Eine zukunftsweisende Vision für den Wallfahrtsort Maria Linden könnte im kontinuierlichen Ausbau der eucharistischen Anbetung und dem verstärkten Angebot von Glaubenskursen als Beitrag zur Neuevangelisation bestehen.

puj

 

 

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1800 - 2000