Aufklärung und Säkularisation – Maria Linden droht der Abbruch

 

 

Nun folgte eine schwierige Zeit für Maria Linden. Kaiser Joseph II., der ab 1780 die Regierungsgeschäfte in Wien übernahm, war ganz durchdrungen von den Ideen des aufgeklärten Absolutismus. Er setzte alles daran, die Kirche völlig in den Dienst der Monarchie zu stellen. Religion hatte fortan primär der sittlichen Bildung der Untertanen zu dienen. Joseph II. strebte in seinem Herrschaftsgebiet ein dichtes Netzt von Pfarreien an, deren Priester als treue Staatsdiener sein aufgeklärtes Gedankengut unter das Volk zu bringen hatten. Ihnen schrieb er die Inhalte der Predigt vor, die Wahl der Gebetbücher - und sogar die Art und die Länge der Altarkerzen bestimmte er selbst.

Föderalistisch strukturierte und von den Diözesen weitgehend unabhängige Klöster waren nicht in seinem Sinn. In seinem Herrschaftsbereich löste Joseph II. hunderte Klöster auf. Wallfahrtskirchen hatten in seinem Staatskirchenmodell ebenfalls keinen Platz. „Auf Wallfahrt gehen“ war für einen aufgeklärten Geist Aberglaube, aber auch Zeit- und Geldverschwendung.

 

Wie viele andere Kapellen und Wallfahrtskirchen in Vorderösterreich sollte auch Maria Linden geschlossen und auf Abbruch versteigert werden. Dem energischen Widerstand der Gläubigen und den nachdrücklichen Bittgesuchen der Ottersweirer Bürger ist es zu verdanken, dass dieser kaiserliche Befehl nicht ausgeführt wurde. Man erklärte die Lindenkirche zu einer Art zweiten Pfarrkirche mit dem, in der Regel Pfarrkirchen vorbehaltenen, Recht, einen Taufstein aufzustellen.

Etwa zwanzig Jahre später drohte Maria Linden erneut Gefahr. Diesmal von der geistlichen Obrigkeit. Im Zuge der napoleonischen Kriege waren die vorderösterreichischen Gebiete? und damit die Ortenau dem protestantischen Markgrafen Karl Friedrich zugefallen. 1806 nahm er, abhängig von Napoleons Gnaden, den Titel eines Erzherzogs an. Seine Regierungsgeschäfte begann er mit der Aufhebung nahezu aller Stifte und Klöster auf seinem neuen Territorium.

 

Die rechtsrheinischen Teile des Bistums Straßburg wurden dem Bistum Konstanz zugeschlagen. Der rechtmäßige Bischof Karl Theodor von Dalberg hielt sich überwiegend außerhalb seines Bistums auf. Er ließ sich durch seinen Generalvikar Ignaz Heinrich von Wessenberg vertreten. Wessenberg war, wie viele andere in der kirchlichen Hierarchie, ein Vertreter des sogenannten aufgeklärten Absolutismus. Er strebte ein Staatskirchentum im Sinne Joseph II. an. Jegliche Formen von Volksfrömmigkeit verachtete er. Auf seinen Befehl hin wurden dann auch öffentliche Wallfahrten verboten und Wallfahrtskirchen abgerissen. Maria Linden drohten erneut Versteigerung und Abbruch. Wiederum leisteten die Ortsgemeinde Ottersweier und die Gläubigen aus der Umgebung heftigen Widerstand. Die Wallfahrtskirche blieb also erhalten.

Im Zusammenhang mit diesen Auseinandersetzungen wurden Votivtafeln, Krücken und sonstige Zeichen von Gebetserhörungen und Dankbarkeit, die es damals in großer Anzahl gab, aus der Wallfahrtskirche entfernt und vernichtet.

 

Nach der Auflösung des Jesuitenordens und bedingt durch den damaligen Zeitgeist kam die Wallfahrt in den folgenden Jahren fast zum Erliegen. Gottesdienste wurden nur noch gelegentlich gehalten. Die umliegenden Klöster Herrenalb, Schwarzach und Allerheiligen, von denen aus Maria Linden mitbetreut worden war, waren von den Regierenden allesamt aufgelöst worden.

puj

 

 

-> nächste Seite

 

-> zurück zum Überblick

 

 

 

 

 

 

um 1800